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Zum Verständnis des Fachs Musiksoziologie

Musik ist auf vielfältige Weise gesellschaftlich verwurzelt. Häufig treibt sie eigene Sozialstrukturen hervor, die ihrerseits auf das Umfeld zurückwirken und die Vorstellung davon, was „musikalisch relevant“ sei, beeinflussen. Beim Hören indes begegnet sie uns als primär klangliches, ästhetisches Ereignis, das unterschwellige soziale und ideologische Aspekte nicht eben abstreift, aber in den Hintergrund treten läßt.


Musiksoziologie wendet sich genau dieser Spannung zu: Sie erkundet die ästhetischen und die sozialen Potentiale, die sich beim Musizieren und Wahrnehmen von Musik verschwistern. Sie ist sowohl eine historische als auch eine systematische Disziplin, mit der sozialen Einbettung von Musik in langfristige historische Prozesse ebenso befaßt wie mit der Klärung ihrer Funktionen innerhalb verschiedener kultureller Systeme. Solche Systeme können z. B. außereuropäische Stammesgesellschaften, die Musizierverbände des 19. Jahrhunderts (Orchester, Chöre, Opernsembles), protestantische oder katholische Kirchgemeinden, Netzwerke in der Mediengesellschaft des späten 20. und 21. Jahrhunderts sein. Musiksoziologie befragt diese ganz unterschiedlichen Kulturen u. a. daraufhin, inwieweit die Tätigkeit des Musizierens soziale Rollenerwartungen erzeugt oder aufrechterhält und welchen Anteil Musik an der Stiftung kultureller Identitäten hat.

Im Zusammenhang damit untersucht Musiksoziologie kurzlebige Phänomene lokaler Natur, aber auch längerfristige Entwicklungen mit vergleichender Absicht. Namentlich historisch fundierte Betrachtungen können vor Augen führen, auf welch unterschiedlichen Ebenen Musik soziale Resonanzen erzeugt und durch welche gesellschaftlichen Prozesse sie ihrerseits bedingt wird. Musiksoziologie sucht daher die Nähe zur Sozial- und Mentalitätsgeschichtsschreibung; denn nur vor einem breiten sozialhistorischen Hintergrund lassen sich zentrale musikkulturelle Erscheinungen zulänglich erklären. Dies gilt etwa für die Professionalisierung und Spezialisierung des Musikerstandes, die mit gesamtgesellschaftlichen Differenzierungen verbunden ist; entsprechende Vorgänge erschließen sich u. a. nur mit Blick auf die Durchsetzung geldwirtschaftlicher Regulationsprinzipien, später die Akkumulation des Kapitals, die Begründung des Verlagswesens, die Industrialisierung und die Herauskristallisierung einer Bildungskultur.

Methodisch fundiert werden diese Betrachtungen durch Verfahrensweisen der Systemmodellierung und der empirischen Sozialforschung, die auf aktuell beobachtbare ebenso wie auf historische Gegenstandsbereiche anzuwenden sind. Im Dialog mit anderen Disziplinen, insbesondere mit der historischen Anthropologie, der Ethnologie, der Mentalitätsgeschichtsschreibung, der Semiotik und der Kulturtheorie, werden Sinnbezüge des Musizierens aufgehellt, die Musik als Form der Daseinsbewältigung besser zu verstehen und zu deuten helfen.

Nach ihrer Außenseite hin vollzieht sich die Arbeit des Berliner Lehrstuhls in Vorlesungen, Hauptseminaren, Proseminaren und Forschungsseminaren, deren Themen und Inhalte von Semester zu Semester wechseln. Im Forschungsseminar verständigen sich die Mitarbeiter des Lehrstuhls, DoktorandInnen, MagisterstudentInnen sowie andere Interessierte über laufende Projekte und fachrelevante Forschungsprobleme in der Musikwissenschaft.

Der Lehrstuhl war Gastgeber mehrerer Forschungskolloquien, so im April 1995 und im November 1999 für Tagungen der Fachgruppe für Soziologie und Sozialgeschichte der Musik in der Gesellschaft für Musikforschung sowie im Dezember 1995 für den Workshop Erich M. von Hornbostel - Gestaltpsychologe, Archivar und vergleichender Musikwissenschaftler. Von 1994 bis 2001 war der Lehrstuhl Koordinationszentrum der genannten Fachgruppe. In Zusammenarbeit mit dem Bärenreiter-Verlag Kassel wird von ihm, seit dem zweiten Halbjahr 1996, die Buchreihe Musiksoziologie (bisher 14 Bände) herausgegeben.